Zum 93. Jahrestag der Bücherverbrennung
Jetzt, im beginnenden Sommer, verdeckt das Grün der Bäume die Sicht auf die gegenüberliegende Straßenseite fast vollständig. Ich stelle mir vor, wie bei einbrechender Dunkelheit eine Kolonne junger Männer mit Fackeln grölend über die Hegelallee Richtung Berliner Vorstadt zieht. Wenn ich das Bürofenster öffne und den Kopf nach rechts neige, könnte ich in der Ferne vielleicht den Hauseingang Nr. 38 erkennen. Aber das Laub ist bereits zu dicht und versperrt die Sicht.
Nur rund 500 Meter liegen zwischen unserem Büro in der Hegelallee 3, unweit des Nauener Tores, und der Nr. 38, schräg gegenüber vom Jägertor. Damals, vor 93 Jahren, im Mai 1933, hieß die Hegelallee noch „Kaiser-Wilhelm-Straße“. Im Aufgang Nr. 38 befand sich das NSDAP-Parteilokal von Otto-Ernst Prast. Von dort nahm der gespenstische Zug durch die Stadt, der am Bassinplatz enden sollte, seinen Ausgang. Bis heute ist unklar, an welcher Stelle des Platzes die jungen Männer ihren Plan umgesetzt haben.
Spuren verschiedener Zeitschichten
Ich laufe über die Hegelallee, Richtung Jägertor. Vor dem Haus Nr. 38 bleibe ich stehen. Eine Gedenktafel rechts neben dem Eingang erinnert an Karl Liebknecht, der hier im November 1914 von den „Potsdamer Genossen“ beauftragt worden sei, im Reichstag gegen die Kriegskredite zu stimmen. 19 Jahre später gehört das Haus besagtem Otto Prast, SS-Sturmbannführer, der den Ort zur Parteizentrale der NSDAP macht. Prast wird 1973 wegen Mittäterschaft (Mord an 2000 Juden) zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Er macht später Karriere in der Wirtschaft, Ende der 50er Jahre ist er Mitglied der Geschäftsführung in einer Zigarettenfirma.
Die Wände neben der Eingangstür sind mit Graffitis bemalt. Ob die heutigen Bewohner die wechselvolle Geschichte ihres Hauses kennen? Ich schaue auf den Boden. Die weißen und schwarzen Keramikfließen sind im Schachbrettmuster angeordnet und diagonal zum Raum verlegt. Sind es Originale? Das Weiß der Platten ist vergilbt, sie könnten alt sein. Aber haben sie 93 Jahre überstanden? Die Bomben in der „Nacht von Potsdam“? Es ist eine seltsame Vorstellung, dass ich grad, im Mai 2026, auf demselben Boden stehen könnte, auf dem im Mai 1933 die Stiefel der jungen Nazis aus dem Potsdamer Parteilokal dröhnten.
Auf dem Bassinplatz stehen heute Marktstände. Man kann Spargel aus Beelitz kaufen, Fleisch- und Wurstwaren von „Rieck“. Ein Wagen der Bäckerei Lenz steht vor der Kirche St. Peter und Paul. In der Mitte des Platzes reihen sich Stände aneinander, die billige Textilien anbieten. Gegenüber der Kirche erstreckt sich der Sowjetische Ehrenfriedhof. Hier liegen die Soldaten der Roten Armee, die in den letzten Kriegstagen im April 1945 bei der Einnahme der Stadt gefallen sind. 383 sind es insgesamt.
Ich gehe weiter, vorbei an den Glascontainern Richtung Skateranalge. Die gegenüberliegende Fläche ist leer. Nur ein Taxi steht am Rand, einige Reisebusse halten an der Charlottenstraße, ein paar Leute sitzen auf Bänken. Warfen hier, auf dem östlichen Teil des Platzes, jene jungen Männer, die vom Parteilokal in der Kaiser-Wilhelm-Straße losgelaufen waren, in den Abendstunden des 22. Mai 1933 ihre Bücher in die Flammen?
Potsdamer Erinnerungskultur
Auf den Stufen der Skateranlage sitzen Jugendliche. Im Hintergrund rufen sich die Touristen aus den Reisebussen etwas zu. Ich kann die Sprache nicht identifizieren. Zwischen den Steinstufen und den Glascontainern steht eine rote Telefonzelle, die wie ein mahnender Finger aus dem Boden ragt. „Bibliothek der verbrannten Bücher“ ist an den Seiten zu lesen. Der Text auf der Rückseite ist mit Graffitis beschmiert und nicht vollständig lesbar.
Ein offizieller Gedenkort für die Bücherverbrennung ist seit Jahren geplant, doch wurde bislang nicht umgesetzt. Eigentlich sollte es 2023 so weit sein, zum 90. Jahrestag. Die rote Telefonzelle, die viele der Bücher enthält, die 1933 auf dem Bassinplatz symbolisch vernichtet wurden, ist 2024 als inoffizieller Gedenkort aufgestellt worden, auf Initiative der linksalternativen Wählergruppe Die Andere.
Zehn Jahre zuvor hatte die Landeshauptstadt ihr Konzept zur Erinnerungskultur veröffentlicht. Unter dem Punkt „Grundsätze“ wird darin eine Reihe von Gedenktagen aufgelistet, die „für die Stadt Potsdam besonders bedeutsam“ seien, darunter die „Nacht von Potsdam“ am 14. April und die „Pogromnacht“ am 9. November. Der 22. Mai, der Tag der Potsdamer Bücherverbrennung, ist nicht dabei.
Begriffspiraterie
Dass die Stadt Potsdam diesem historischen Ereignis noch immer so verhältnismäßig geringe Beachtung schenkt, kann durchaus verwundern. Denn wie kaum ein anderes Thema wäre die Auseinandersetzung mit den Bücherverbennungen der Nationalsozialisten geeignet, um die politischen Kulturkämpfe der Gegenwart kritisch zu reflektieren und eine sachliche Debatte über Demokratie und Meinungsfreiheit anzuregen, die jenseits ideologischer Abwehrreflexe nach Antworten auf drängende Fragen der Zeit sucht.
Der Kampf um kulturelle Deutungshoheit wird zwischen unterschiedlichen ‚Lagern‘ erbittert geführt. Linke und rechte Gruppierungen nutzen die Bücherverbrennung dabei gleichermaßen, um den politischen Gegner abzuwerten und das eigene Profil zu schärfen. 2017 führte eine Anfrage der Wählergruppe Die Andere bei der Stadt- und Landesbibliothek – Thema war der Umgang mit Büchern aus rechten Verlagen – zu einem Statement des AfD-Kreisverbands Potsdam (vgl. Bericht der MAZ vom 3. Januar 2018). Die Überschrift lautete: „Keine geistige Bücher-Verbrennung!“
Ganz ähnlich positionierte sich die AfD-Fraktion in Hannover im Mai 2018 und nutzte dafür den Bezug auf das historische Ereignis der Bücherverbrennung, um sich selbst als (antifaschistische) Verteidigerin der Meinungsfreiheit in Szene zu setzen. „Vor 85 Jahren: Bücherverbrennung der Nazis. AfD sieht Meinungsfreiheit auch heute wieder bedroht“, ist der Beitrag überschrieben, der sich noch ausführlicher als das Statement der Potsdamer Kollegen der eigenen (vermeintlichen) Haltung widmet.
Das irritierende Spiel mit Begriffen und Haltungen dient dabei dem Zweck, eine rechtspopulistische Partei wie die AfD als Retterin der Meinungsfreiheit und Heldin im Kampf gegen (wie es im Text wörtlich heißt) „linksfaschistische[-] Antifanten“ darzustellen. Es handelt sich um eine Strategie, die der Historiker Volker Weiß in seiner kürzlich veröffentlichten Monografie Das Deutsche Demokratische Reich (2025) als „Resignifikation“ beschreibt, als „Aneignung und Umdeutung bekannter Symbole und Begriffe“. Auf diese Weise wird eine kontinuierliche Erschütterung des „historischen Sinns“ betrieben.
Brandmetaphern
Das Phänomen ist nicht neu. Doch die Radikalität, mit der diese „Begriffspiraterie“ (Volker Weiß) von Bewegungen wie der AfD aktuell betrieben wird, kann als deutliches Krisensymptom verstanden werden. Der Kampf um Deutungen und Weltanschauungen nimmt dabei oft sehr konkrete Formen an. Die Ereignisse rund um den inoffiziellen Gedenkort der Bücherverbrennung in Potsdam erscheinen geeignet, um daran die gesamtgesellschaftlichen Krisentendenzen exemplarisch sichtbar zu machen – wie unter einem „Brennglas“ gleichsam (eine Metapher, die vor dem Hintergrund der behandelten Thematik selbst problematisch wird und Fragen nach der Bedeutung und Wirkung solcher Begrifflichkeiten aufwerfen kann).
Nur fünf Monate nach der Einweihung der roten Telefonzelle am Bassinplatz, im Oktober 2024, findet ein erster Angriff auf den neuen Erinnerungsort statt. Neben der Telefonzelle werden – verbannte Bücher gefunden. Der Staatsschutz nimmt die Ermittlungen auf, Verdacht einer politisch motivierten Straftat (Bericht des rbb vom 17. Oktober 2024).
Fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 22. Oktober 2025, dann der zweite Anschlag. Die PNN titeln: „Potsdamer Gedenkort zur Bücherverbrennung: Jugendliche zünden Bücher an“. Der Fall sorgt für Aufsehen, überregionale Medien berichten (darunter etwa die BILD-Zeitung). Die Symbolkraft der Taten ist besonders stark: Mutmaßlich politisch motivierte Täter verbrennen Bücher an einem Gedenkort, der an die historische Bücherverbrennung gemahnen soll. Ein Aspekt, den Beate Goreczko (Die Andere) in einem Statement gegenüber den PNN nach der zweiten Attacke betont: „Egal, welches Motiv es dafür gab, damit wird ja auch ein Zeichen gesetzt“.
Ein Zeichen setzen: Das wollten am 2. Februar 2025 auch rund 3000 Menschen, die sich auf dem Alten Markt in der Potsdamer Innenstadt zu einer Demonstration gegen den „Rechtsruck“ versammelten. Das Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ hatte zu der Aktion aufgerufen. Der Anlass war die gemeinsame Abstimmung von CDU und FDP mit der AfD im Bundestag für eine verschärfte Migrationspolitik.
Im Artikel der PNN wird auf ein Detail verwiesen, das ich im Zusammenhang mit der hier behandelten Thematik hervorheben möchte. Ich zitiere aus dem Bericht von Marco Zschieck: Auf der Kirchentreppe war ein kleines Rednerpult aufgebaut. Daneben stand eine symbolische Brandmauer aus Kartons. Darauf waren Begriffe wie Respekt, Vielfalt und Anstand geschrieben sowie der Satz: „Wir sind die Brandmauer.“ Illustriert wird der Artikel in der Onlineversion von einem Foto (aufgenommen von Andreas Klaer), dessen linker Rand durch die Karton-Mauer ausgefüllt ist.
Der Begriff der Brandmauer – der ursprünglich aus dem Bauwesen stammt und eine Schutzvorrichtung bezeichnet, die das Übergreifen von Feuer zwischen Gebäuden verhindern soll – ist umstritten. Ich möchte hier nicht ausführlich auf die unterschiedlichen Aspekte der Debatte eingehen, sondern nur auf die semantischen Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Begrifflichkeiten hinweisen, die für sehr unterschiedliche politische Konzepte genutzt werden können und dabei selten hinsichtlich ihres lexikalischen Gehalts reflektiert werden.
Einen differenzierten Beitrag zur politischen Debatte, der auch auf die Problematik des Begriffes eingeht, lieferte der Potsdamer Historiker Martin Sabrow. Sein Artikel Von Nutzen und Nachteil der Brandmauer ist acht Tage nach der Brandmauer-Demo auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht worden.
Die begrifflichen Paradoxien, die mitunter entstehen, wenn Metaphern der Grenzziehung zur Verteidigung einer offenen Gesellschaft und als Bekräftigung des Wertes der Integration genutzt werden, zeigt beispielhaft die Rede des damaligen Oberbürgermeisters Mike Schubert. In unmittelbarer Nähe der symbolischen Brandmauer aus Pappkartons rief Schubert der versammelten Menge unter anderem folgendes Statement zu:
Wir brauchen keine neuen Gesetze im Bund zur Abschottung oder Beschlüsse zur Arbeitspflicht in den Kommunen, die mit der extremen Rechten beschlossen werden. Wir brauchen Integration die funktioniert. Das ist die beste Brandmauer gegen Hass und Hetze. (Hervorhebungen von mir)
Was hier erkennbar wird, ist ein strukturelles Dilemma. Wie kann man die offene Gesellschaft verteidigen, ohne dabei selbst in den Modus der Abschottung zu geraten? Hilfreich würde es sein, den Blick auf die inneren Widersprüche der Brandmauer-Politik und die tieferliegenden Ursachen aktueller Krisen zu richten. „Der Hitzezustand, in den das westliche Demokratiemodell geraten ist“, diagnostiziert Martin Sabrow in seinem Beitrag, „kommt […] nicht von außen, sondern von innen.“
Das Ende der Illusionen
Der Soziologe Andreas Reckwitz hat 2019 mit Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne eine Analyse gegenwärtiger Krisenphänomene vorgelegt, die noch immer hochaktuell ist und dabei helfen kann, die komplexe Gemengelage zu sortieren. Im Folgenden möchte ich Reckwitz‘ Kerngedanken zur Krise des Liberalismus vorstellen und diese zum Gegenstand meines Textes in Beziehung setzen.
Seit 2010 verdichten sich die „Anzeichen einer grundsätzlichen politischen Krise“, als deren „wichtigstes Symptom“ Reckwitz die „internationale populistische Revolte“ ausmacht (man denke hier etwa an Thilo Sarrazins Beststeller Deutschland schafft sich, der im selben Jahr erschien). Die zentrale These von Reckwitz – der ich mich anschließen und für die ich mit meinem Beitrag werben möchte – lautet: Die populistische Revolte macht deutlich, dass das „gängige Links-rechts-Schema allein zum Verständnis der politischen Entwicklungen nicht mehr taugt.“
Wenn wir diesen Grundgedanken annehmen, wird unterhalb der Links-rechts-Unterscheidung etwas erkennbar, das Reckwitz als „übergreifendes politisches Paradigma“ bezeichnet, eine „abstrakte Tiefenstruktur des politischen Denkens und Handelns“. Das Paradigma – und dieser Punkt ist entscheidend – umfasst dabei stets „nahezu das gesamte politische Spektrum“. Der geschichtliche Prozess wird damit als Abfolge (Aufstieg, Dominanz, Niedergang) von Paradigmen erkennbar.
Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lassen sich, so Reckwitz, in den westlichen Staaten zwei „aufeinander folgende politische Großparadigmen identifizieren“. Diese beschreibt er, grob vereinfachend gesagt, als schließende (Regulierung) und öffnende (Dynamisierung). Aktuell befinden wir uns noch im Paradigma des öffnenden Liberalismus – die Rede von Mike Schubert bei der Brandmauer-Demo ist ein gutes Beispiel dafür.
Zum (entgegengesetzten) Regulierungsparadigma gehöre, wenig überraschend, auch eine „Grenzfixierung“. Vergleicht man vor diesem Hintergrund die sinnbildliche Brandmauer gegen Rechts und etwa Donald Trumps reale Mauer zur Eindämmung der illegalen Migration, werden erst die semantischen Verknüpfungen deutlich und als Niedergangssymptome lesbar. Voraussetzung dafür ist es, das gängige Links-rechts-Schema bei der Betrachtung zu überwinden – und damit gleichsam eine methodische Mauer im Kopf einzureißen, die den Blick freigibt auf die Tiefenstrukturen gesellschaftlicher Transformationsprozesse.
Was wir seit einigen Jahren (und derzeit stark beschleunigt) wahrnehmen können, ist eine tiefgreifende Krise des Liberalismus. Reckwitz identifiziert diese Krise als eine des Paradigmas, dessen Wechsel bevorstehe. Ein Paradigmenwechsel sei zwar „grundsätzlich dramatischer“ als ein bloßer Regierungswechsel, die Krise des politischen Paradigmas sei dabei jedoch (noch) keine Systemkrise, sondern – „absolut normal“.
Etwas weniger abstrakt ließe sich sagen: Das aktuell dominante politische Denken und Handeln (Paradigma) kann nicht mehr angemessen auf die Herausforderungen der Gegenwart reagieren. Was demnach bevorsteht, ist nicht der Untergang des Abendlandes (wie er zur Legitimation eines gewaltvollen Handelns von rechtspopulistischer Seite gern prophezeit wird), sondern „nur“ eine Veränderung des Grundmusters.
Die Phase des Übergangs, die wir derzeit erleben, ist nichtsdestotrotz beängstigend, da sie geprägt ist von vielfältigen Verunsicherungen und heftigen politischen Konflikten – die Vorgänge rund um das Mahnmal am Potsdamer Bassinplatz belegen diese „Konstellation der Kontingenz“ eindrücklich. Wichtig ist es dabei, festzuhalten, dass die „(rechts-)populistische Revolte“ diese Paradigmenkrise zwar „öffentlich sichtbar und politisch brisant“ macht, „aber doch nur eines ihrer Symptome und selbst weder Ursache noch langfristige Lösung“ darstellt.
Die Alarmierten
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der deutsche Amerikanist und Experte für Verschwörungstheorien Michael Butter in seiner Monografie Die Alarmierten (2025). Verschwörungstheorien, die sich ja im Umfeld des Populismus großer Beliebtheit erfreuen, können „Symptom für reale Ängste, Nöte und Benachteiligungen sein […], die man ernst nehmen muss, um dem Phänomen effektiv zu begegnen.“ Butter untersucht – und das macht sein Buch zu einem besonders wichtigen Beitrag – nicht nur die Struktur und Geschichte des Verschwörungsdenkens, sondern auch den Diskurs über die Verschwörungstheorien.
Dieser laufe beständig Gefahr, die „konspirationistische Weltsicht zu spiegeln.“ Mit anderen Worten: Der Gegendiskurs ist oft „ebenso unangemessen aufgeregt und moralisierend wie der verschwörungstheoretische Diskurs“ selbst. Angewendet auf die Brandmauer-Demo und Schuberts Rede könnte man sagen: Die Abwehr des Dogmatischen läuft stets Gefahr, selbst dogmatisch zu werden – und dabei Ursache und Wirkung zu verwechseln. Eine Problematik, die von den Populisten erkannt und genutzt wird. Dies zeigt etwa der von der Potsdamer AfD an Die Andere gerichtete Vorwurf der „geistigen Bücher-Verbrennung“.
Der Populismus hat, darauf weist Andreas Reckwitz hin, die Krisen des gegenwärtig dominanten Paradigmas also deutlich erkannt und ein „radikales Gegenprogramm“ entwickelt. Dass dieser alternative Entwurf vielen Menschen attraktiver erscheint als ein Fortbestehen des gegenwärtigen Systems, verwundert kaum, wenn man die Hilflosigkeit bedenkt, mit der vielfach auf die Herausforderungen der Zeit reagiert wird. Die Brandmauer aus Pappkartons, die im Februar 2025 auf den Stufen der Nikolaikirche am Alten Markt zum symbolischen Schutz der Demokratie aufgestellt worden ist, erscheint mir als Sinnbild dieser Hilflosigkeit.
Andreas Reckwitz hält es dennoch für unwahrscheinlich, dass der Populismus selbst das „langfristig wirksame neue und übergreifende politische Paradigma bilden“ werde. Sein größtes Problem sei der „elementare[-] Antagonismus“, auf dem er fuße. Wer „große Teile der spätmodernen Gesellschaft zu Dauerfeinden“ erkläre, bei dem müsse man bezweifeln, ob er über eine ausreichende Integrationsfähigkeit verfüge. Gleiches lässt sich, so meine ich, über die Vertreter des bestehenden Paradigmas sagen.
Wer im Modus der Abwehr verharrt (oder sich in ihn treiben lässt), dem fehlt die Kraft für Gestaltung. Um langfristig tragbare Lösungen zu finden, reicht es nicht aus – das betont auch Reckwitz – die „Folgen der Globalisierung, der Postindustrialisierung und der kulturellen Heterogenität“ (oder eben den Populismus als Reaktion auf diese Folgen) abzuwehren.
Es gilt, die Realitäten anzuerkennen: „Die spätmoderne Gesellschaft“, schreibt Reckwitz, „ist keine Gemeinschaft, kein homogenes Kollektiv und wird es auch niemals sein. Sie ist in Lebensstilen pluralisiert, in Klassen stratifiziert und multiethnisch.“ Indem der Populismus die Sehnsucht vieler Menschen nach einem vergangenen Zustand (souveräner Nationalstaat, regulierte Industriegesellschaft, kulturelle Homogenität) bedient, betreibe er eine „nostalgische Politik“. Und diese sei letztlich nicht zukunftsfähig, weil sie den realen Problemen der Gegenwart nicht angemessen begegnen kann.
Blockierter Erfahrungsprozess
Das, worauf sich der Populismus bezieht, bezeichnet die Sozialphilosophin Rahel Jaeggi in ihrem Buch Fortschritt und Regression (2023) treffend (und ganz im Sinne der Analyse von Reckwitz) als einen Ort, der „längst illusionär“ geworden ist. In diesem Sinne könnte man den politischen Kulturkampf sogar für beide ‚Lager‘ (Liberalismus vs. Populismus) als einen illusionären interpretieren: Beide Seiten neigen dabei zur Realitätsvermeidung. Der Liberalismus weigert sich mitunter hartnäckig, die Schattenseiten der Transformationsprozesse zu sehen und flüchtet sich stattdessen in eine starre Fortschrittsgläubigkeit, der Populismus leugnet die Tatsache einer heterogenen, transformierten Welt und entwickelt als Gegenmodell ein nostalgisches Phantasma.
Die Überwindung der klassischen Links-rechts-Unterscheidung ermöglicht es, das Verbindende darin zu sehen: Beide Seiten – und darin ist wohl das zentrale Symptom der aktuellen politischen Krise zu sehen – können nicht (oder nicht mehr) angemessen auf die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart reagieren. Jaeggi diagnostiziert daher, dass „eine ganze Gesellschaft […] in einen pathologischen Zustand geraten“ sei, „oder gar strukturell so verfasst ist, dass sie auf zu machende Erfahrungen nicht mehr sinnvoll reagieren kann.“
Eine Feststellung, die der Soziologe Armin Nassehi während der Corona-Pandemie sehr ähnlich formuliert hat (die Passage findet sich in meinem 2022 veröffentlichten Text Kommunikation in der Krise, den ich an dieser Stelle zur Re-Lektüre empfehlen möchte): Die Gesellschaft selbst, schrieb Nassehi, sei „mit ihren Verarbeitungsregeln in der Krise“. Die „Beruhigung durch gutes Zureden“ – man denke hier etwa an die beschwörenden Worte von Mike Schubert bei der Brandmauer-Demo – sei „ein Symptom dafür, sich unserer Unfähigkeit zur Problemlösung gar nicht erst stellen zu müssen.“
Zu Recht fordert Jaeggi daher, dass eine „Diagnose von Regression“ zu den „Ursachen von Krisen und zu denjenigen systematischen und strukturellen Problemen“ vordringen müsse, „die Regression auslösen und motivieren.“ Es geht also auch Jaeggi um eine methodische Tiefenbohrung. Wer nicht zur „abstrakte[n] Tiefenstruktur des politischen Denkens und Handelns“ vordringt, wird auf der Oberfläche im Abwehrmodus Symptome bekämpfen und dabei die Bearbeitung der Ursachen regressiv vermeiden.
Regression ist bei Jaeggi also nicht einfach eine bestimmte inhaltliche Position, sondern eine Reaktionsweise, und zwar eine unangemessene. Man könne sie als einen „systematisch blockierte[n] Problemlösungs- und Erfahrungsprozess“ verstehen, demgegenüber sich Fortschritt als ein „anreichernder“ beschreiben ließe. Voraussetzung für eine so verstandene fortschrittliche Reaktionsweise sei ein „rezeptiv-offene[r] Weltbezug“.
An dieser Stelle berührt sich Jaeggis Ansatz mit der Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa (worauf sie auch selbst hinweist). Wie elementar ein solches Weltverhältnis sowohl für die gestalterische Kraft des Individuums als auch der Gesellschaft insgesamt ist, hatte ich in meinem Text Ein Winter in Potsdam gezeigt – veröffentlicht im Februar 2025, unmittelbar nach der Potsdamer Brandmauer-Demo. Darin verbinde ich Rosas Resonanzkonzept mit einer Analyse von Heinz Strunks Roman Zauberberg 2, dessen Protagonist Jonas Heidbrink als Musterbeispiel eines entfremdeten Menschen der Spätmoderne erscheint.
Die Gefahr des Populismus sieht Reckwitz nicht zuletzt darin, „dass er den notwendigen Lernprozess der Sozialdemokraten, Progressiven und Konservativen des politischen Mainstreams potenziell hemmt.“ Einen Lernprozess aber braucht es dringend, sonst verharrt das System „in einer Endlosschleife des Dauerkonfliktes“.
Die Politikwissenschaft beschäftigt sich mit den Krisensymptomen insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob – und wenn ja, wie – die Demokratie zu retten sei; beziehungsweise, wie eine angemessene Reaktion aus demokratietheoretischer Perspektive aussehen könnte. Wegweisend erscheinen mir dabei die Arbeiten von Felix Heidenreich. Die vielleicht wichtigste Einsicht – zu finden in Demokratie unter Druck. Ein Republikanismus der Nachhaltigkeit (2026) – ist diese:
Der Weg aus einer unheilvollen Alternative zwischen einem hyperliberalen ‚Weiter so!‘ und dem illiberalen Rückfall in autoritäre Politik ist zweifellos schwierig. Aber er ist möglich.
Wie Reckwitz und Jaeggi, sieht auch Heidenreich die auffällige demokratische Hilflosigkeit angesichts des Ansturms eines globalen Populismus als systematisches Problem. Er spricht von einer „strukturelle[n] Überforderung“. Viele demokratische Rechtsstaaten versuchten „mit einer liberalen Toolbox Probleme zu lösen, die republikanische Antworten nahelegen“.
Die Überforderung erzeugt Angst und Stress und verzerrt damit den Blick auf die Wirklichkeit (ein Mechanismus, der aus der Psychologie bekannt ist). Die Anfälligkeit für ein Denken in Dichotomien (Schwarz-Weiß-Denken) und Antagonismen (Freund-Feind-Schema) nimmt zu – und dies eben nicht nur bei Populisten und Verschwörungsgläubigen, sondern auch im liberalen Lager. Die Exzesse der Wokeness, die so vielfältige Angriffsflächen für den Populismus bieten, zeigen diesen Mechanismus deutlich. Eine Problematik, die ich 2023 in meinem Text Im Zweifel für den Zweifel intensiver beleuchtet habe.
Der Wechsel vom derzeit dominanten Dynamisierungsparadigma zu einem Regulierungsparadigma erscheint den meisten Vertretern des Systems nicht nur deshalb so beängstigend, weil sie durch die notwendige „Konstellation der Kontingenz“ (Reckwitz), die jenen Übergang charakterisiert, überfordert sind (und in ihrer Überforderung meist gar nicht sehen, dass es sich um einen natürlichen Wandlungsprozess handelt, was wiederum die Überforderung verstärkt) – sondern auch deshalb, weil sie nur zwei Optionen für die Zukunft in Betracht ziehen: Ein „Weiter so“ (die Untergangsvision aus rechtspopulistischer Sicht) oder den Rückfall in den Autoritarismus (die Untergangsvision aus liberaler Sicht).
Der komplexe Transformationsprozess der vergangenen Jahrzehnte hat neue gesellschaftliche Probleme hervorgebracht, die „das bisher dominante politische Paradigma nicht oder nur unzureichend zu bearbeiten vermag“. Wenn wir Reckwitz folgen, wird das „sich abzeichnende neue politische Paradigma die Konturen eines regulativen oder einbettenden Liberalismus“ annehmen. Und damit sind wir wieder bei der von Mike Schubert geforderten Integration – die hier allerdings gänzlich anders, vor allem umfassender verstanden wird.
Der einbettende Liberalismus werde sein „Fortschrittsverständnis skeptischer anlegen müssen“. Als elementar für die integrative Kraft jenes Paradigmas betrachtet Reckwitz den Umgang mit Verlusterfahrungen. Ausführlich dargestellt hat er diesen Gedanken in seiner großen Gegenwartsanalyse Verlust. Ein Grundproblem der Moderne (2024). Wie wichtig dieses Buch ist, und wie es bei der Bearbeitung persönlicher Krisen helfen kann, habe ich Ende 2025 in meinem Text Kratzer im Lack zu zeigen versucht.
Verluste, stellte Reckwitz schon 2019 fest, „müssen benannt und verarbeitet werden, um nicht auf Dauer in der populistischen Spirale von Empörung und Gekränktheit zu verharren.“
Hegelallee
Ich gehe wieder ans Fenster und blicke auf die Hegelallee. Unser Büro liegt im obersten Stock. Von hier aus hat man einen guten Überblick. Die Menschen erscheinen kleiner, man schaut distanzierter auf das Gewusel der Straße, auf die Autos, Radfahrer und Fußgänger, die aus der Entfernung beinahe wie Spielzeugfiguren wirken.
Potsdam ist kein Platz für Hass und Hetze, hat Mike Schubert bei der Brandmauer-Demo im vergangenen Jahr gerufen. Potsdam, müsste man einwenden, ist aber zugleich der Ort, an dem 93 Jahre nach der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten frustrierte Jugendliche Bücher aus einem Gedenkort am Bassinplatz entfernen und anzünden.
Potsdam steht für Toleranz, Offenheit und Humanität. Aber Potsdam steht auch für einen anderen Geist. Und damit ist die Stadt – das zeigen die Vorfälle rund um den Gedenkort am Bassinplatz beispielhaft – ein Ort der Brüche, der Widersprüche, der Kämpfe. Schon die hier so hitzig geführten Debatten zwischen Platte und Schloss verweisen auf diese Janusköpfigkeit. Potsdam ist eine ambivalente Stadt, ein Ort, an dem sich die spätmodernen Konfliktlinien vielleicht besonders gut erkennen lassen.
Ich sehe, wie die Menschen über den Grünsteifen laufen und denke wieder an den Fackelzug, der sich am 22. Mai vor 93 Jahren hier, unter unserem Bürofenster, über die Hegelallee bewegte, die damals noch Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Zu diesem Zeitpunkt stand die alte Stadtmauer bereits nicht mehr, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Tore an der nördlichen Stadtgrenze miteinander verbunden hatte. Ursprünglich, im 18. Jahrhundert, hieß die Hegelallee übrigens „Mauerstraße“.