Kratzer im Lack

Wunden viel zu tief, ich glaub da hilft kein Pflaster mehr

(Miksu/Macloud & Makko: Nachts wach, 2023)

Foto: Julius Sonntag

Ich starre auf den Griff der Fahrertür. Fuck! Ein langer Kratzer läuft horizontal über den schwarzen Lack und lässt das helle Metall darunter hervorblitzen. Wie eine offene Wunde, die den Knochen unter der Haut hervorscheinen lässt. Ich spüre ein leichtes Zittern in den Händen, mein Puls ist erhöht. Beim Zurücksetzen aus der Hotelgarageneinfahrt – einer sehr schmalen Hotelgarageneinfahrt – war ich für einen Moment unaufmerksam. Das knirschende Geräusch, als der Lack auf den Putz der Garagenwand trifft, gräbt sich in mein Ohr. Der Sound des Scheiterns.

Passiert. Aber mir? Als Mann liegt mir doch schließlich das Ein- und Ausparken im Blut. Die Evolution, das räumliche Vorstellungsvermögen – in Sekundenbruchteilen jagt mir ein schwachsinniger Gedanke nach dem anderen durch den Kopf. Ein Moment der Schwäche eben, nichts weiter. Diese Schramme wird doch nicht am Lack meiner Männlichkeit kratzen! Im Ernst? Die Metaphern funktionieren nicht mehr. Ich gehe ums Auto herum, auch den Griff der Beifahrertür hat es erwischt. Wenn schon, denn schon.

Das war im September 2024. Ein kleines Hotel gegenüber vom Lübecker Hauptbahnhof. Ich war in der Stadt, um die „Thomas Mann-Tage 2024“ zu besuchen. Die standen diesmal unter dem Motto „100 Jahre Der Zauberberg“. Heinz Strunk präsentierte seine moderne Adaption von Manns Klassiker, Zauberberg 2 (was das Buch mit mir gemacht hat, ist im Artikel Ein Winter in Potsdam nachzulesen). Sechs Jahre bin ich nicht hier gewesen; nun endlich zurück in der alten Herzensheimat. Ich laufe durch die Gassen der Altstadt, entlang am Ufer der Trave. In jeder Ecke lauern Erinnerungen.

Foto: Julius Sonntag

Sackgassen

Am 18. Juni 2025 bin ich 36 Jahre alt geworden. Genauso alt, wie der depressive Jonas Heidbrink in Strunks Zauberberg-Roman. Pünktlich zu meinem Geburtstag hat der S. Fischer Verlag eine Ausgabe seiner Neuen Rundschau veröffentlicht. Titelthema: „Flops / Misslingen / Sackgassen / Aufhören“. Wie aufbauend. Aber was solls. Ich kaufe die Ausgabe noch am selben Tag. Mit dem Thema kann ich einiges anfangen. Und außerdem: Scheitern ist immer auch eine Chance, das weiß man ja. Das Editorial bestärkt mich: „das Misslingende kann auch einen eigenen Glanz, eine eigene Würde ausstrahlen.“ 

Seit sechs Monaten schleppe ich diese Ausgabe der Neuen Rundschau mit mir herum. Die Ecken sind bereits geknickt, das Cover abgerieben vom Transport im Rucksack. Das Heft sieht so aus, als hätte ich es intensiv gelesen. Aber die Optik täuscht, es ist ein unbeabsichtigter Vintage-Effekt. Used-Look. Wie eine Jeans, die schon beim Kauf getragen aussehen soll. Fake-Authentizität. Mehr als das Editorial – und einen kurzen, blätternden Blick auf einzelne Artikel – habe ich noch nicht geschafft. Desinteresse? Nein. Keine Zeit? Nein. Angst? Vielleicht. Wahrscheinlich. Gut möglich.

Angst wovor? Vor der Scham, die der Konfrontation folgt? Davor, mit dem Misserfolg nicht fertig zu werden, obwohl man doch so bemüht ist, das Gute darin zu sehen? Ja, natürlich, jeder Umweg, jeder Fehler – all das führte zum Ziel. Jedes Scheitern lehrt uns etwas. „Heute bin ich der, der ich gestern dachte zu sein“, rappen Bushido und Shindy vor zehn Jahren in ihrem Song Verlieren hassen. Ist das ein gesunder Umgang mit dem Scheitern? Immerhin: Es steckt ja viel Selbstoffenbarung in diesem Satz – der, der ich gestern zu sein glaubte, war ich gar nicht.

Wer wollte ich sein? Wer war ich wirklich? Die alten Fragen. Und immer wieder suche ich nach neuen Antworten.

Foto: Julius Sonntag

Nachsommer

Ich spule noch einmal zurück. Die Kassette surrt. Stopp. Ein paar Bilder sind unscharf, einzelne Gesichter kaum zu erkennen. Sommer 2023. Ich sitze auf dem Balkon. Aperol Spritz, Zigarette, Kerze. Draußen ist es dunkel, die Luft warm. Das einzige Geräusch ist der leise Anschlag der Tastatur auf meinem Laptop. Ich schreibe Ein Sommer in Potsdam. Es ist eine Rezension von Heinz Strunks Ein Sommer in Niendorf. Aber eigentlich geht es darum nur am Rande. Ich verarbeite das Ende meiner Ehe. Suche nach Worten für das, was sich nicht beschreiben lässt.

Den Schmerz habe ich im Alkohol und einer neuen Liebe ertränkt, das Ziehen in der Brust durch Nikotin betäubt. Ich war so frei wie der Marlboro-Mann, der auf seinem Pferd durch den Grand Canyon reitet, während der Krebs bereits seine Lunge zerfrisst. Aber hey, ich war noch da! Ja, ich habe es überlebt. Die einzelnen Teile, die die Explosion übriggelassen hatte, setzte ich wieder zusammen, Stück für Stück. Ich versuchte, mir ein neues Leben aufzubauen. Die Kratzer mussten übermalt werden. Die neue Farbe brannte manchmal auf der Wunde, die noch nicht verheilt war. Aber von außen sah die neue Lackierung gut aus.

Ich spule das Band vor. Sommer 2025. Der neue Lack zeigt erste Risse. Das Haus steht auf unsicherem Grund, die Fassade beginnt zu bröckeln. Von außen sieht sie immer noch gut aus. Doch unter der neuen Farbschicht pulsieren die alten Wunden und drängen nach oben. Der Sommer geht vorüber, das Laub verfärbt sich. Nachsommer. Zwei Gestalten sitzen auf dem Balkon, die Konturen verschwimmen in der Dunkelheit. Stille. Jeder Satz bleibt in der Luft hängen wie ein Bleigewicht. Die Worte haben Widerhaken und krallen sich in der Seele fest. Cut. Der neue Lack hat nicht gehalten. Es gibt kein Happy End.

Der Schmerz lässt sich nicht vorspulen. Alles, was wir verdrängen, kehrt zurück. Je länger wir es unter der Oberfläche zu halten versuchen, desto stärker wird die Eruption. Erst wenn die Wunden verheilt sind, dürfen wir eine neue Lackierung auftragen.

Foto: Julius Sonntag

Seelenstriptease

Eine Kollegin sagte kürzlich zu mir: Das liegt eben nicht jedem, Intimes von sich vor der Öffentlichkeit zu sezieren. „Seelenstriptease“ nannte sie es etwas verächtlich. Ja, es stimmt, nicht jeder möchte das machen. Auch nicht jeder möchte so etwas lesen. Aber sind wir nicht irgendwie doch dankbar dafür, wenn ein Mensch sich entblößt, hervorholt, was auf seinem Grund liegt? Spricht man wirklich nur für und zu sich, wenn man von sich redet, breitet man wirklich nur Persönliches aus, indem man die Tür zu den eigenen Tiefen öffnet? Oder tut man es vielleicht auch für all die anderen, die ihre Scham, ihre Wut und ihre Ängste in den hintersten Winkeln der Seele verstecken, wo sie ihr Unwesen treiben, bis der Lack irgendwann abplatzt?

Ja, natürlich. Irgendwie ist das ja auch banal, denke ich gleich wieder. Und dann auch wieder nicht. Die Älteren sagen gern: Das kennen wir alles schon. Wir Jüngeren antworten: Das mag sein – aber wir erleben es eben zum ersten Mal. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne; und jedes Ende muss selbst erlebt werden, um zu wissen, was es bedeutet. Um zu lernen, wie man mit dem umgeht, was verloren geht. Wie man die Löcher im Herzen füllt. „War vorher nie hier, fang grade erst an / Ich hoff, ich versteh, wie das geht, irgendwann“, singt die 27-jährige Nina Chuba in ihrem Song Unsicher (2025).

Es hat auch etwas Tröstliches. Wir müssen da eben alle durch. „Das Menschenleben“, schreibt Thomas Mann in seinem letzten Roman Der Erwählte, „verläuft nach abgebrauchten Mustern, ist aber nur in Worten alt und hergebracht, an und für sich ist’s immer neu und jung, möge auch dem Erzähler nichts übrig bleiben, als ihm die alten Worte zu geben.“ Ich bin nicht sicher, ob das so stimmt. Zumindest beim letzten Teil des Satzes habe ich Zweifel. Findet nicht doch jede Zeit ihre eigene Sprache? Ihre eigenen Ausdrucksformen? Ihre eigenen Bilder für das, was sich nicht in Worte fassen lässt?

Ich lese wieder in meinen alten Texten, suche nach Spuren, nach meinen blinden Flecken, nach dem, was ich preisgebe, ohne es zu wissen. Im September 2022 schrieb ich über eine Salzburg-Reise (Hagenauer auf Reisen), mein erster Artikel, in dem ich Persönliches reflektiere. „Julius Sonntag auf der Flucht vor dem Alltag“ – hieß es im Untertitel. Auf der Zugfahrt ein schreiendes Kind. Die erfolglosen Versuche der Zuggäste, das unglückliche Wesen zu beruhigen. Ich schrieb: Und auf einmal habe ich Lust, mich neben das Kind zu setzen und einfach so drauf loszuschreien. Sollen die Leute doch gucken. Ich tue jetzt, was mir gefällt, befriedige unmittelbar meine Bedürfnisse, nehme keine Rücksicht mehr. Wir schreien um die Wette, schreien alles raus, unseren ganzen Frust, die angestaute Enttäuschung, die eigentlich Wut ist. Wut über uns selbst, über unsere Unfähigkeit, zufrieden zu sein.

Die Wahrheit ist: Ich war gar nicht unfähig, zufrieden zu sein – aber das wusste ich damals noch nicht. Ich war unfähig, unzufrieden zu sein. Ich blieb stumm, regungslos, harrte aus, während ich innerlich schrie. Ich hatte mich wieder arrangiert mit einer lebensgeschichtlichen Sackgasse, eingerichtet im Unzumutbaren, angetrieben von Verlustangst, von der Angst, zu scheitern.

Dabei hätte es mir viel mehr Angst machen sollen, ein Leben zu leben, das mich zum Gefangenen meiner alten Glaubenssätze machen würde. Aushalten um jeden Preis. Doch ein Glück, an das man sich so krampfhaft klammert, dass die Finger taub werden, ist keines. Mir war nicht wirklich klar, was das bedeutete, doch mein Text ahnte es schon: Ich konnte mir nicht entfliehen, nicht dem Netz entkommen, aus dem ich mir mein Leben gesponnen hatte – der leitmotivische Satz meiner Geschichte.

Foto: Julius Sonntag

Verlustverliebt

Worum geht es eigentlich? Wir schreiben auf, was uns sonst zersprengen würde. Wir kreisen um das, was wir sagen möchten, ohne eigentlich zu wissen, wie wir es ausdrücken können. Es geht um Verlust. Immer wieder. Um die Trauer, die dem Verlust folgt. Um die Leere, die sich ausbreitet, wenn etwas oder jemand verschwindet – oder nie da gewesen ist. Um die Frage, was wir wirklich suchen. Um die Wut über den Verlust des Lebens, das wir nie gelebt haben. Um die Angst vor dem Verlust, der noch eintreten wird, der eintreten könnte, um diese verdammte Angst, die unsere Gedanken vernebelt und uns manchmal blind macht, zu sehen, was vor uns steht, wer vor uns steht. Wo wir selbst stehen.

All die Zeilen, die Aneinanderreihung von Wörtern, die unaufhörliche Selbstbespiegelung: Vielleicht sind es am Ende doch nur verzweifelte Versuche, etwas Wesentliches zu hinterlassen – nicht bedeutungslos gewesen zu sein. Und schon im Leben: etwas für jemanden bedeutet zu haben, wovon wir Zeugnis ablegen möchten. Können wir andere Menschen wirklich erreichen? Vielleicht berühren wir sie für einen Moment, einen Augenblick, indem sie sich wiedererkennen im Leben des anderen. Sich wiederfinden in den Gefühls- und Gedankenkreisen eines Fremden, der dann plötzlich gar nicht mehr so fremd ist.

Wir sehnen uns nach Verbindung, selbst dort, wo uns der Versuch, sie zu finden, zu zerstören droht. Wir fürchten den Verlust, und wenn er eintritt, suhlen wir uns im Selbstmitleid; dann genießen wir plötzlich, wovor wir uns so gefürchtet hatten. Bis wir die Freiheit satthaben und unsere Fühler ausstrecken, nach Wärme, nach Nähe. Ist das tragisch? Vielleicht, ein bisschen. Aber man darf sich selbst auch nicht zu ernst nehmen. Das könnte helfen. Eine neue Generation zeigt uns grad, wie das geht. Der österreichische Musiker Bibizza (26) etwa, der in seinem Song Aufnimmerwiederschaun (2024) eine Trennung verarbeitet. Das klingt dann so:

Ich komm grad unten an
Es ist so schön
Ich blüh so richtig auf im Untergang
Halli Hallo Grüß Gott
Du schönes tiefes Loch
Natürlich spring ich rein oder
Baby, Du kennst mich doch

Wahrscheinlich können die Jüngeren das einfach besser als wir. Das ist beschämend manchmal. Aber es gibt mir auch Hoffnung. Dass eine neue Generation heranwächst, die selbstbewusster mit ihren Ängsten und Defekten umgeht, nicht nur in der Kunst, sondern auch im Alltag. Die sie als Kraftquelle und Inspiration nutzt, anstatt sie vor sich und der Welt zu verstecken. Die ein anderes Verständnis hat vom Scheitern.

Und wir? Die Millennials, deren Boomer-Eltern so erfolgreich waren, auch und vor allem darin, ihre Gefühle vor uns zu verbergen? Wir haben gelernt, zu funktionieren, uns zusammenzureißen, nicht zu jammern (sicher, auch noch ganz viel mehr). Das Auto steht vor der Tür, der Abschluss steckt in der Tasche, das Geld kommt pünktlich zum Monatsende. Aus uns ist ja auch etwas geworden. Wir sind fleißig. Wir managen das alles nicht schlecht. Wir weinen nur hinter verschlossenen Türen, schlucken den Kloß im Hals herunter, wenn wir merken, dass unsere glattgebügelten Leben uns innerlich aushöhlen. Und natürlich: Das sind alles nur Phrasen, weil wir am Ende doch gar keine Worte haben für das, was wir fühlen. Für das, was uns kaputtmacht, während wir danebenstehen und zusehen.

Foto: Julius Sonntag

Fraktur

Was fehlt uns eigentlich? Wenn wir dem Soziologen Andreas Reckwitz glauben, der 2024 mit Verlust. Ein Grundproblem der Moderne eine der klügsten Analysen der Gegenwart vorgelegt hat, haben wir kein geeignetes „Verlustvokabular“.  Es mangle uns „an entsprechenden narrativen Mustern und damit verbundenen Selbsttechnologien“, schreibt er. Mit anderen Worten: Wir fühlen viel, können aber nur wenig davon artikulieren. Das Scheitern passt nicht ins moderne Fortschrittsnarrativ, es verschwinde im „Off“, werde an den kommunikativen Rand gedrängt; verdrängt, relativiert. In den Künsten sei der Ort, wo die unauflöslichen Probleme ästhetisch bearbeitet werden; die Negativität werde damit jedoch gewissermaßen „ästhetisch abgefedert“.

Das Potsdamer Hans Otto Theater unternimmt in der aktuellen Spielzeit, die unter dem Motto „Auf Brüche“ steht, den Versuch, etwas von den ambivalenten Gefühlen des spätmodernen Menschen erlebbar zu machen. Es gehe um Risse, um Bruchstellen, in der Gesellschaft, im Alltag, in der Biografie. Aber auch hier schleicht sich ein Unbehagen am Brüchigen ein, der Versuch einer narrativen Umdeutung, damit das Kaputte dann doch wieder relativ wird – am Ende sogar zu einem Fortschritt. Zu einem Aufbruch. Im Sinne einer kreativen Zerstörung, die das Bestehende hinwegfegt, um Platz für das Neue, das Innovative zu schaffen, sollen die Bruchstellen den Blick öffnen für Unbekanntes, die Perspektive ändern. „Und es zeigt sich: Ja, es ist möglich, nochmal ganz neu und Neues zu denken!“, heißt es in einem Artikel zum Programm des Theaters.

Ich verstehe dieses Bedürfnis. Man weiß immer erst später, wofür es gut war; eine oft genutzte Redensart meiner Mutter, die ich verinnerlicht habe. Meine Fähigkeit, Katastrophen zu Erfolgen umzudeuten, war schon sehr früh stark ausgeprägt. Und noch heute bin ich ein Meister darin. Es fällt mir schwer, etwas Negatives einfach negativ sein zu lassen. Ohne Widerworte. Das Scheitern anzunehmen. Anzunehmen, dass es nicht für jede Wunde ein Pflaster, nicht für jeden Riss sofort den geeigneten Kleber gibt. Auch einfach mal zu sagen: Es tut mir leid. Ich habe keine Lösung. Keinen klugen Ratschlag. Ich kann den Schmerz nicht wegreden.

Viel zu oft in meinem Leben habe ich die Stille nicht ausgehalten. Die Lücke gefüllt. Und die Klappe gehalten, wenn ich hätte reden sollen. Um die Harmonie nicht zu gefährden, den Schein zu wahren. Wenn ich sage, was mir auf dem Herzen brennt, dann verletze ich mit meinem Feuer vielleicht jemanden. Und wenn es doch mal Brandwunden gab? Dann bin ich sofort zur Apotheke gerannt, um Bepanthen-Salbe zu kaufen. Es dauert nur ein paar Tage, dann ist die Verletzung fast unsichtbar! Und nach ein paar Jahren sieht man die Narben kaum noch. Am Ende wird eben alles gut, und wenn es nicht gut war, dann war es nicht das Ende …

Foto: Julius Sonntag

Reparatur

Wer bin ich wirklich? Wer möchte ich sein? Halte ich den Menschen aus, der ich bin, wenn die Schutzmechanismen wegfallen?

Seit neun Monaten trinke ich keinen Alkohol mehr. Nicht einen Tropfen. Die Fragen der Leute nerven manchmal, aber das ist nicht schlimm. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Abhängigkeitsproblem hatte. Aber ganz sicher einen ungesunden Umgang. Ich brauchte das Gefühl leichter Betäubung am Abend, die Zumutungen des Alltags gebettet auf Watte. Das sanfte Verschwimmen, den Dopamin-Kick. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Ich bin nicht kaputt, nur beschädigt. Es gibt ein paar Kratzer auf meiner Seele. Ein paar Risse in meinem Herzen. Ein paar Sätze, die ich nicht mehr vergessen kann. Ein paar Blicke, die mich beinahe getötet hätten. Ein paar Wunden, die noch nicht verheilt sind. Ein paar graue Haare mehr, vielleicht.

Seit ich wieder nüchtern bin, sehe ich die Dinge klarer. Kann wieder besser Entscheidungen treffen. Wie viel vom neuen Lack bereits abgeplatzt war, konnte ich erst danach erkennen. Ich frage mich öfter: Wie können wir uns ein Leben schaffen, aus dem wir nicht fliehen wollen? Wie können wir unseren Frieden machen mit dem Scheitern, mit dem Verlust, mit den Bruchstellen in unseren Biografien? Mit unserer verdammten Angst? Wie können wir Negativität integrieren, anstatt sie zu überpinseln?

Andreas Reckwitz hat in seinem Buch einen Vorschlag gemacht, dem ich viel abgewinnen kann. Wir brauchen, meint er, „die Entwicklung eines reflektierten Verhältnisses zu Verlusterfahrungen jenseits von Abwehr, Verdrängung und Fixierung, welches ihre Integration in das individuelle und soziale Leben erlaubt, um in der Zukunft zwar nicht unbeschädigt, aber trotzdem gedeihlich weiterleben zu können.“

Nicht unbeschädigt, aber trotzdem gedeihlich – eine schöne Formulierung. Es sei, sagt Reckwitz, eine „schwierige Aufgabe“, zugleich „eine elementare“. Ja, wir kommen nicht darum herum, unseren Ängsten ins Auge zu sehen, wenn wir ein Leben wollen, das wir nicht verdrängen müssen, um es zu ertragen. Wenn wir echte Verbindung möchten, zu uns, zu anderen. Und nicht nur schöne Insta-Storys, nicht nur Fake-Authentizität.

Der Hamburger Musiker Error (24), dem ich den Titel dieses Textes verdanke, macht vor, wie man das Schwere mit Leichtigkeit trägt. Sich verletzlich zeigt und dadurch Stärke entwickelt. Ich finde das inspirierend. Kratzer im Lack ist der zweite Titel auf seiner EP Das Glück gehört Versagern, die im August 2025 veröffentlicht wurde. Im Refrain feiert Error die Bruchstellen des Lebens:

Ich war so gebrochen, ja
Doch kann endlich wieder hoffen

Der Schmerz lässt nach, hey
Und wir heben ab, mh, ja
Knapp über der Straße, von außen kaum zu ahn’n
Fall‘ ich in deine Arme, eh, ja
Komm, schenk mir nochmal nach, hey
Auf die paar Kratzer in dei’m Lack

Foto: Julius Sonntag

Geister

Irgendwann im Herbst habe ich in einem Yoga-Buch eine chinesische Weisheit gelesen, die ich mir sofort notierte und die mir jetzt wieder einfällt:

Anspannung ist das, was du zu sein glaubst. Entspannung ist das, was du bist.

Annehmen, loslassen, akzeptieren, integrieren – die Spannung reduzieren, die das verzweifelte Festklammern am Wunsch-Ich erzeugt und zu einem unerträglichen Druck werden lässt. Ja, wenn das mal so einfach wäre. Doch wir müssen es versuchen, immer wieder. Wir müssen ehrlich auf uns schauen, auf die dunklen Flecken, die an unserer Seele haften, in die schmutzigen Ecken der schön eingerichteten Wohnung. Auf das, was unter der leuchtenden Farbschicht liegt. Sonst zerreißt uns die innere Anspannung irgendwann. Oder wir bleiben gefangen in einer Illusion von uns selbst.

Die Wohnung ist jetzt wieder leer. Ich warte, bis es dunkel wird. Nehme den Schlüssel vom Tisch. Bevor ich gehe, reiße ich noch einmal die Fenster auf, um die bösen Geister herauszulassen. Dann ziehe ich die Tür hinter mir zu, laufe zum Auto. Ich greife nach dem zerkratzten Griff der Autotür. Steige ein und fahre einfach los. Scheiß auf den Lack.

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Julius Sonntag

Als Projektmanager hat er (fast) überall seine Finger im Spiel. Er hält die Fäden in der Hand, zieht Strippen, koordiniert, analysiert, konzipiert und berät. Am liebsten schreibt er aber Texte für die Website oder für Magazine.

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