Der Neubaupfarrer erinnert sich

Geschichten über die Suche nach Menschen und ihrer Sehnsucht

2025 feierte die Stern-Kirchengemeinde Potsdam ihr 50-jähriges Bestehen. Foto: sevens+maltry

Als ich an diesem warmen Juninachmittag die Sternkirche betrat, ahnte ich nicht, wie sehr mich der Termin berühren würde. Die Anfrage der ProPotsdam kam kurzfristig, drei Tage später sollten wir schon für das Magazin EINSVIER vor Ort sein – ein straffer, aber machbarer Auftrag. Im Rahmen unserer Arbeit am Magazin, das sich monothematisch mit dem Wohngebiet Am Stern beschäftigte, begleitete ich den Jubiläumsakt redaktionell. Doch dass mich diese Veranstaltung der Stern-Kirchengemeinde so tief bewegen würde, lag vor allem an Joachim Gauck.

Ich hatte seine Reden natürlich schon gehört, im Fernsehen, bei offiziellen Anlässen. Aber was er an diesem 27. Juni in der Sternkirche sagte, war anders. Freier, persönlicher, unmittelbarer. Wie er da stand, lächelnd und selbstironisch von seinem „letzten Termin vor dem langen Urlaub“ sprach, erzählte, wie seine Mitarbeitenden ihm eigentlich immer „eher absagen“ empfehlen – und doch war er hier. Weil er dieses Neubaugebiet versteht. Weil er selbst einmal ein „Neubaupfarrer“ war.

Seine Erinnerungen an die Zeit in den sozialistischen Fünfgeschossern, an das Treppauf-Treppab, an das Suchen nach Menschen, die sich nach Gemeinschaft und Veränderung sehnten – all das füllte den Kirchenraum mit einer Wärme, die man fast körperlich spüren konnte. Ich bemerkte, wie um mich herum Köpfe nickten. Manchmal lachten die Leute leise, manchmal wurde es stiller, als er erzählte, wie er einst als evangelischer Pastor in einer katholischen Kirche zu Gast sein musste, weil der Kirchenbau im Osten so kompliziert verhandelt wurde.

Joachim Gauck spricht am 27. Juni 2025 im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten. Foto: Benjamin Maltry

Während ich zuhörte, war ich dankbar, so kurzfristig hierher geschickt worden zu sein. Und ebenso dankbar war ich, dass wir noch einen guten Fotografen gefunden hatten: Benjamin Maltry. Er bewegte sich fast lautlos durch den Raum – und doch spürte man, wie aufmerksam er war. Seine Bilder sind genau das geworden, was wir uns erhofft hatten: dokumentarisch, würdevoll, nah. Eines davon wurde das Titelbild dieser EINSVIER-Ausgabe. Und wenn ich es mir anschaue, höre ich noch Gaucks Stimme im Ohr – klar, warm, ehrlich.

Dieser Nachmittag am Stern hat mir erneut gezeigt, wie viel Geschichte, Gefühl und Gemeinschaft in diesem Wohngebiet steckt. Und wie sehr Worte – zur richtigen Zeit, am richtigen Ort – Menschen verbinden können.

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Bild von Martina Vogel

Martina Vogel

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