Artisten auf der Baustelle

Die Kunst des Bauevents

Wir haben in den letzten Jahren verschiedene Veranstaltungen auf Baustellen durchführen dürfen: Richtfeste, Grundsteinlegungen, Tage der offenen Baustelle, Einweihungen von Gebäuden, Übergabe der Gebäude an die Nutzer, aber auch Führungen, temporäre künstlerische Nutzungen und Filmabende. Die Zahl der Gäste variiert zwischen 15 und mehreren Hundert. Zwischen den beiden Corona-Lockdowns haben wir einen Tag der offenen Baustelle mit fast 1.000 Gästen gemanagt.

Veranstaltungen auf dem Bau sind für die Auftraggeber wie auch für Organisatoren immer eine besondere Nummer. Ein Bauherr ist kein Partyveranstalter, eine Baustelle keine Eventlocation und in vielen Belangen sogar das Gegenteil davon: Es gibt nicht per se sichere Wege und Räume, brauchbare Toiletten, barrierearme Zugänge und Wege, Infrastruktur für das Catering und so weiter. Wettervarianten zu finden, ist Glücksache, vor allem aber und immer wieder beschäftigen uns die Fragen der Sicherheit. Zum Teil entstehen hier erhebliche Kosten, um die Risiken für die Gesundheit der Gäste zu minimieren und die Baustelle zu einer Eventlocation zu machen.

Sicherheit ist Wohlfühlfeeling

Wenn es um Geld geht, kann auch schon mal die beste Party lahmen. Es ist nicht immer einfach, den Bauherrn für die Sicherheitsmaßnahmen zu gewinnen. Sie sind aber ein unabdingbarer Teil der Veranstaltung: Wer sich Gäste einlädt, der will, dass die sich wohlfühlen. Zum Wohlfühlen gehört auch, dass sie wohlbehalten wieder nach Hause kommen.

Eine wichtige Lehre aus den Veranstaltungen, die wir in den letzten Jahren durchgeführt haben, ist die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsschutzbeauftragten. Wir haben uns angewöhnt, jedes einzelne Angebot, das wir den Besuchern machen wollen, und jeden Weg, den sie auf der Baustelle gehen sollen, mit dem obersten Hüter des Arbeitsschutzes zu besprechen. Ort, Wegeführung, Absperrungen, vor Ort vorzufindende Gegebenheiten, Fluchtwege, Standorte für Zelte oder Technik, Art der Belehrung der Gäste und Mitwirkenden – je mehr Fragen und Themen, desto besser. Es ist nicht so, dass der Beauftragte für irgendetwas Genehmigungen erteilen wird. Er wird nicht einmal zustimmend nicken. Aber seine Erfahrungen sind natürlich unverzichtbar, insbesondere auch sein realistischer Blick auf mögliche Risiken, die in der Nutzung der Baustelle für ein Event liegen könnten. Die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsschutzbeauftragten wird nicht von allen Bauherren gutgeheißen. Sie ist aber aus unserer Sicht essenziell.

Störenfriede

Unsere Veranstaltung und wir als Organisatoren stören in jedem Falle den Ablauf der Arbeiten auf der Baustelle. Die Bauleute, die Architekten und Ingenieure, die Bauherren und die Bauleitung wollen bauen. Sie wollen weder quatschen noch feiern, zum Feierabend vielleicht ein Bier und was Gegrilltes – mehr aber nicht. Als Organisator muss man hier ein dickes Fell haben und Ruhe bewahren, aber wie sonst auch gilt: Der Hunger kommt mit dem Essen.

Was man wissen muss: Indem wir die Abläufe stören, geraten wir automatisch zwischen die Fronten, die auf jeder Baustelle mehr oder weniger stark gepflegt werden. Spannungen zwischen den Gewerken, aber auch zwischen den Baufirmen und den Bauherren, sind gewöhnlich. Hier gilt es, vorsichtig, vermittelnd und freundlich zu agieren. Wir versuchen, die Firmen, insbesondere auch die Bauleitung, in die Organisation und in die jeweiligen Veranstaltungen mit einzubeziehen. Wir machen unser Bemühen deutlich, so wenig wie möglich zu stören beziehungsweise möglichst wenig in die Gegebenheiten der Baustelle einzugreifen. Insbesondere in Fällen, da sich auf der Baustelle bereits ein großes Konflikt- und Spannungspotential angestaut hat, ist dies eine besondere Herausforderung.

Zufriedenheit garantiert

Der Reiz an dieser Art von Events: Nach unseren Erfahrungen gibt es bei Bauveranstaltungen immer nur zufriedene Besucher. Bei keiner anderen Art von Veranstaltungen wird uns so oft von den Gästen am Ende gesagt, dass das toll war, dass sie dankbar sind und dass sie hoffen, bald wieder eingeladen zu werden. Zufrieden sind nicht nur die Gäste, sondern in der Regel auch die Bauherren und die Bauleute, auch deshalb, weil sie während der Veranstaltung von ihren Gästen so viel Interesse und Zuspruch erhalten haben.

Für uns als Organisatoren von Veranstaltungen aller Art ist es natürlich eine sehr schöne Sache, ein Segment bedienen zu können, in dem Zufriedenheit und gutes Feedback garantiert zu sein scheinen. Bei anderen Veranstaltungen gelingt das natürlich auch, es scheint aber nicht so sicher zu sein. Wenn es so einfach wäre, dann könnte man sagen: Du brauchst wieder einmal einen spürbaren Erfolg? Dann lass uns mal eine Baustelle feiern.

Exklusiv in Zeit, Ort und Zustand

Angesichts der großen Resonanz, die diese Art von Veranstaltungen hervorrufen, haben wir uns gefragt, worin eigentlich der Reiz eines solchen Events für die Besucher liegt. Warum sind Menschen so sehr interessiert daran, hinter den Bauzaun zu schauen? Was treibt deren Neugier an?

Es ist ganz sicherlich der Reiz des Verborgenen in dem Sinne, dass man hinter den Bauzaun schaut und Dinge sieht, die man eigentlich nicht zu sehen bekommt. Der Bauzaun verbietet und unterbindet eigentlich den Zugang, oft versperrt er die Sicht. Mit unseren Veranstaltungen umgehen wir das Verbot, heben es für ein paar Stunden auf, machen wir das Weggesperrte zugänglich, das Nicht-Sichtbare nahbar. Das hat etwas Exklusives.  Zumal dies nicht im Kontext einer allgemeinen Öffnung des Geländes erfolgt, sondern über eine limitierte Zugänglichkeit, die wiederum die Exklusivität des Erlebnisses verstärkt.

Das Interessante an dem Besuch werdender oder sich verändernder Orte ist das Momentane. Den Ort, wie wir ihn während dieser wenigen Stunden des Events erleben, gibt es morgen schon nicht mehr, weil das Werden am nächsten Tag weitergeht. Wir haben es also mit einem originellen und nicht wiederholbaren Moment zu tun: Gestern war die Ordnung nicht so wie sie heute ist, heute ist sie nicht wie morgen. Die Besucher kommen also exklusiv zu einem exklusiven Ort in einem exklusiven Moment. Ob die Besucher das selbst so empfinden und beschreiben würden, sei dahingestellt. Dass die Inszenierung in der beschriebenen Weise wirkt, müssen die wissen, die die Szenarien für derartige Veranstaltungen entwickeln.

Wir erleben, dass Menschen zu unseren Veranstaltungen kommen und erzählen, wie der Ort früher aussah. Manche bringen Fotografien mit oder bieten an, zu Hause Fotografieren herauszusuchen. Sie erzählen Geschichten aus Kindheit und Jugend, wie sie an diesem Ort gespielt haben, oder was sie in den Gebäuden, die davor dort waren, erlebt haben. Es geht also nicht nur um den Ort, sondern ganz oft auch um meine persönliche Beziehung zu diesem Ort und um den Wunsch, die Veränderungen auch erleben zu können, in dem Falle sogar hautnah. Das ist eine der wichtigsten Zutaten eines gelungenen Events: Wir müssen Möglichkeiten schaffen, damit der Besucher eine persönliche Beziehung zum entstehenden Gebäude aufbauen kann.

Erlebnisse ermöglichen

Wir versuchen ritualisierte Veranstaltungen, wie zum Beispiel Grundsteinlegungen oder Richtfeste, also Events, die sich oft gleichen, einen jeweils eigenen Charakter zu geben. Beide Arten von Veranstaltungen haben ein vergleichsweise strenges Protokoll.  Gerade bei Richtfesten drängen wir die Bauherren, die seit dem Mittelalter überlieferten Regeln und Rituale auch einzuhalten. Wir empfehlen ein wertschätzendes und standesgemäßes Verhalten gegenüber den Menschen, die auf den Baustellen arbeiten, inklusive auch in jenen Gewerken, die zum Zeitpunkt des Festes die Baustelle schon verlassen haben. Zugleich versuchen wir, gekünstelte Elemente, die sich in den letzten Jahrzehnten eingeschlichen haben, aus den Abläufen fernzuhalten: Dies gilt zum Beispiel für das Einschlagen von Nägeln in einen Balken durch eine beliebige Zahl von mehr oder weniger wichtigen Menschen zu ebener Erde. Diese Show hat nichts mehr mit dem eigentlichen Einschlagen eines letzten Nagels ins Dachgebälk zu tun, sie ist einfach nur peinlich.

Veranstaltungen, die ein größeres Publikum ansprechen und über einen kompletten Tag laufen, wie ein Tag der offenen Baustelle, versuchen wir aufzugliedern in verschiedene Angebote: dazu gehören Führungen über die Baustelle, visuelle Darstellungen bis hin zu Ausstellungen, bildliche Darstellung des Bauablaufs beispielsweise durch ein von einer Baustellenkamera aufgezeichnetes Video, Catering an exklusiven Orten, aber auch Mitmach-Stationen.

Geschichten kreieren

Wir versuchen, schon die roh errichteten Gebäude mit Geschichten und Bilder zu besetzen. Beispielsweise inszenieren wir gern die künftige Nutzung von Räumen: So bietet der Gastronom im Rohbau der alsbald von ihm genutzten Räumen schon mal einen Einblick in seine Speisekarte. Vor dem künftigen Café, dessen Räume gerade vollgestopft mit Baumaterialien sind, erwarten edler Kuchen und heiße Getränken die Gäste in einem improvisierten Sommercafé. Solche Arrangements ermöglichen auf sehr angenehme Art Teilhabe. Mit derartigen überraschenden Erlebnissen gewinnen wir auch die Akzeptanz für die Baumaßnahme und die mit ihr einhergehenden Veränderungen.

Zu unserem Angebot gehört nach Möglichkeit ein exklusives kleines Mitbringsel. Das kann eine Postkarte sein, aber auch die schön gestaltete Eintrittskarte, das Ticket für eine Führung. Wir versuchen stets irgendeine Kleinigkeit kostengünstig hinzubekommen, die wirklich exklusiv ist, was die Leute gerne mitnehmen und sich aufheben. Eine Kleinigkeit, die einem zu Hause ab und an in die Hände und die Augen fällt und an diesen schönen Tag erinnert.

Tradition und Respekt

Kein Bauherr muss seine Baustelle feiern. Aber es gibt gute Gründe, das zu tun. Der eine ist traditioneller Art. Grundsteinlegungen und Richtfeste werden seit eh und je gefeiert. Ich glaube, dass man dem Haus und seinen Nutzern nichts Gutes tut, wenn man darauf verzichtet. Ich bin da sogar etwa abergläubisch: Ein Haus braucht gute Geister und um die muss man sich bemühen.

Der zweite Grund folgt aus der Tatsache, dass ein Haus nicht unbemerkt entsteht. Es wird in die öffentliche Wahrnehmung, in das Bild der Stadt hineingebaut. Es verändert den Raum, in dem Menschen leben und arbeiten, den sie wahrnehmen, der sie umgibt. Ich glaube, dass die Menschen, die diesen Stadtraum bevölkern, das Recht haben, an dessen Veränderungen beteiligt zu sein. Bauevents sind in diesem Sinne auch ein Stück stadtgesellschaftlicher Demokratie. Dazu gehört die Option, über den Bauzaun zu schauen, ins Gespräch zu kommen, über die Erfahrungen und Schwierigkeiten zu erfahren. Hier geht es auch um Respekt des Bauherrn gegenüber seinen Nachbarn: Wir sind zwar noch nicht fertig aber kommt doch mal vorbei, wir zeigen euch, wie weit wir sind.

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